Verschwisterung gelebt: Ein europäisches Wochenende in Cromer

Eine neunköpfige Delegation des Verschwisterungsvereins Nidda mit der Vorsitzenden Petra Becker an der Spitze fand sich am vergangenen Wochenende in der knapp eintausend Kilometer entfernten Partnerstadt Cromer in England ein, um sich dort mit den Gastgebern und Freunden aus Crest zum alljährlichen Treffen zu versammeln.

Um es kurz zu machen: Es war ein voller Erfolg! Und das auf allen Ebenen.

Alte Freundschaften wurden aufgefrischt, neue begründet, ganz so, wie es der gemeinsame Verschwisterungsgedanke vorsieht und alles im europäisch denkenden Sinn. Ein Gedanke an das drohende Damoklesschwert des Brexit kam in keinem Moment der Begegnung auf, im Gegenteil: gelebtes Europa stand im Mittelpunkt.

Dies kam auch in den erfrischend kurzen Reden am Kommersabend am Samstag zum Ausdruck. Bürgermeister Richard Leeds begrüßte vor allem die Gäste aus Frankreich und Deutschland und hob in seiner Ansprache, die für die deutschen Gäste von Martin Ritter übersetzt wurde, hervor, dass die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Nationen ein nicht zu unterschätzender Baustein der Völkerverständigung ist, auf den in keiner Situation verzichtet werden darf. Jilly Boocock, Vorsitzende der Cromer Twinning Association, unterstützte ihren Bürgermeister und betonte, dass es ihr eine Freude sei, dieses Treffen in Cromer ausrichten zu dürfen und deshalb hätten sie auch keine Kosten und Mühen gescheut, das Wochenende der Begegnung zum Erfolg werden zu lassen. Laurence Issoulie, die Vorsitzende des Verschwisterungsvereins aus Crest, unterstrich ebenso die nicht zu unterschätzende Bedeutung solcher Treffen für den europäischen Gedanken. Und Petra Becker aus Nidda knüpfte hier nahtlos an, indem sie vor allem betonte, diese Begegnungen auf freundschaftlicher Ebene seien ein unverzichtbarer Beitrag für den Frieden unter den Menschen, für den  Frieden in Europa und letztlich für den Frieden in der Welt.

Nach diesen Einleitungen gab es ein ausgezeichnetes Fünf-Gänge-Menü mit Nuancen aus den drei Ländern: Salami für Deutschland, Käse für Frankreich und als Dessert Eton Mess, einen typisch englischen Nachtisch. Im Mittelpunkt des Abends stand allerdings eine ausgelassene Feier zu den Klängen des Akkordeon-Orchesters aus Norwich, das es hervorragend verstand, mit Musicalmelodien und Evergreens aller Genres den Saal, die Cromer Church Parish Hall, in Wallung zu versetzen. Es wurde gemeinsam ausgelassen gefeiert, getanzt und natürlich auch intensiv miteinander geredet.

Eingeleitet wurde das Wochenende am Freitag mit einem gemeinsamen – wie könnte es in England anders sein – Fish‘n Chips Essen. Bereits hier wurde deutlich, dass sich die Teilnehmer nicht fremd waren, selbst für diejenigen, die erstmals an einer solchen Veranstaltung teilnahmen, war es überhaupt kein Problem, sich mit anderen Menschen zu vermischen, fehlende Vokabeln wurden durch Gestik und Mimik, Händen und zur Not auch Füßen, kompensiert. Und alle waren mit Freude dabei.

Der Samstag stand im Zeichen englischer Tradition, eine Busfahrt zum Schloss Sandringham, dem Wintersitz der Königsfamilie, brachte interessante Aspekte englischer Kultur zum Vorschein. Der zweite Vorsitzende Mike Bossingham erwies sich als kompetenter Guide und zeigte den Gästen einige interessante Facetten der Gegend. So etwa verblüffte die Bauweise einiger Häuser, deren Fassade aus Backstein und Flint, Feuerstein, besteht. Ihr Innenraum sei teilweise so eng, dass Mikeseine Beine nicht austrecken könne. Über Schloss Sandringham wehte der Royal Standard, die königliche Flagge, die anzeigte, dass einige Mitglieder der königlichen Familie, eventuell sogar die Queen „herself“, anwesend waren, allerdings in Bereichen, die für das Publikum nicht zugänglich sind.

Spannend war die Ausstellung von Fahrzeugen, Kutschen auf der einen und Rolls Royces auf der anderen Seite.

Der Sonntag begann traditionell mit einem allerdings überhaupt nicht traditionellen Kirchgang. Eine Band begleitete die Lieder, die im Stehen gesungen werden, nicht eine Orgel, Menschen mit Handicap spielten eine wichtige Rolle, die Predigt zum Thema „Gib und es wird dir gegeben werden“ wurde eingeleitet durch eine Anekdote: Ein junger amerikanischer Polizist wurde zu einem Menschen auflauf gerufen und aufgefordert, ihn aufzulösen. Da er nicht wusste, wie er das anstellen sollte, gab ihm ein anderer Mensch den  Rat: Reiche einen Hut herum um zu sammeln. In wenigen Sekunden war die Versammlung aufgelöst. Zum Abendmahl, der Communion, waren alle, unabhängig ihrer Konfession , eingeladen.

Der Ausklang des Tages wurde im Red Lion, einem typisch englischen Pub, gefeiert, hier ergab sich noch einmal die Gelegenheit zu Gesprächen zwischen Deutschen, Franzosen und Engländern. Am Ende wurde das alte Problem gelöst: Wohin mit dem Kleingeld? Die Sammlung ergab eine Flasche Wein, die gemeinsam geleert werden konnte. Auch eine Art der Völkerverständigung.

Als sich das Sozialmobil, das die Stadt Nidda dem Verschwisterungsverein für die Reise zur Verfügung gestellt hatte, wieder Richtung Heimat in Bewegung setzte, waren alle überzeugt, eine Schritt in die richtige Richtung „Europa“ getan zu haben. Der eng getaktete Terminplan mag zwar für den Augenblick recht stressig erschienen sein, aber insgesamt gesehen waren es genau diese Gelegenheiten und Momente, die offenbarten, dass die Menschen in Europa Europa auch leben wollen.